Wirkungsvoll diskutieren
Wie schon Sokrates gesagt hat: Wenn man wissen will, wie es gemacht wird, muss man zu denen gehen, die auf ihrem Gebiet die Besten sind. Und das sind im Falle der Rhetorik momentan ja wohl bitteschön Politiker und die Frontschweine vom Telefonmarketing. Von den einen kann man lernen, viel zu versprechen, ohne sich auf etwas festnageln zu lassen, von den anderen, etwas zu verkaufen, das eigentlich keiner möchte.
Wenn Du bis hierher gelesen hast, ohne mindestens ein Mal innerlich zu protestieren, dann bist Du nacheinander gleich in mehrere rhetorische Fallen getappt. Denn selbst wenn man außer Acht lässt, dass Sokrates Grieche war und Übersetzungen selten den gleichen Informationsgehalt besitzen wie das Original, wurde ihm dieses Zitat von mir ganz einfach untergeschoben, weil es gut klingt und weil sich eh kaum einer die Mühe machen wird, sämtliche Werke, in denen Sokrates zitiert wird, zu durchforsten. Außerdem wäre es grob unhöflich, jemandem gleich von Anfang an Misstrauen entgegenzubringen und ihm zu unterstellen, dass er lügt. Kolumnenschreiber und Leute aus Kreta sind da natürlich eine Ausnahme. Die lügen immer.
Und selbst wenn er es gesagt hätte, sind Sätze der Form „wenn – dann“ oder „weil x so und so ist, muss man y machen“ immer mit Vorsicht zu genießen. „Weil eine Strickmütze den Fall aus 100 Metern Höhe unbeschadet übersteht, ein Integralhelm aber nicht, müssen Motorradfahrer Mützen tragen.“ ist logisch, aber nicht sinnvoll, weil zu viele wichtige Informationen weggelassen werden.
Und damit kommen wir auch schon zum Kern des Problems: die geschickte Informationsaufbereitung. Wenn man etwas verkaufen möchte, ist man dann fein raus, wenn es entweder zu wenige oder zu viele Informationen gibt. Ein Wasserverkäufer in der Wüste wird tunlichst verschweigen, dass gleich hinter den Hügeln eine Oase liegt und der Glühweinverkäufer lebt davon, dass ein Kunde keine Lust hat, vor dem Kauf sämtliche Angebote zu vergleichen.
Da das aber in einem Stammtischgespräch wenig bringt, hier noch ein paar einfache Methoden immer das letzte Wort zu haben:
1. Überrumpeln und mitschleifen. Die klassische Telefonmarketingtaktik, in der man sich von rhetorischen Fragen („Sie gewinnen doch gerne.“, „Wollen Sie auch mehr Geld?“ „Du willst doch auch nur das Beste für Deine Kinder.“) Schritt für Schritt zum Vertragsabschluss vorarbeitet, ohne Gelegenheit zum Widerspruch zu bieten.
2. Sich nicht festnageln lassen. Beliebte Floskeln hierfür sind „Aber das weiß man doch“, „Das war schon immer so / das war noch nie so.“, „Stell Dir vor, das würde jeder machen!“ Besonders praktisch ist dabei, dass man denjenigen, der zu fragen wagt, woher man das angeblich weiß, wie einen totalen Idioten aussehen lassen kann. Ein einziger mitleidiger Blick genügt.
3. Sich auf Höheres berufen. Also anerkannte Geistesgrößen oder noch besser religiöse oder ideologische Instanzen zitieren. Bibel, Koran, Grundgesetz und nicht zuletzt der gesunde Menschenverstand sind da äußerst hilfreich, allerdings muss man vorher abklären, ob die betreffende Instanz auch allgemein akzeptiert wird.
4. Den anderen schlecht machen. Ein nebenbei eingestreutes „Das haben die Nazis auch schon gesagt“ kann manchmal Wunder wirken. Wenn man es schafft die Aussagen des anderen in die Nähe dubioser Institutionen zu rücken, hat man schon fast gewonnen. Und immer daran denken: In der Regel kann man auf die Schnelle gar nicht nachweisen, ob dieser Vorwurf stimmt. Aber es bleibt auf jeden Fall was hängen.
5. Nur schwarz oder weiß zulasssen. Je mehr Informationen es gibt, desto schwerer sind sie zu überblicken und desto dankbarer werden einfache Lösungen angenommen. Am besten man kombiniert das mit generalisierenden Aussagen. Zum Beispiel: Die demokratische Regierung ist unfähig, also muss man die Monarchie wieder einführen.
6. Aufhören, wenn es am Schönsten ist. Darüber hinaus gibt es natürlich noch das ultimative Totschlagargument, das immer funktioniert, aber leider muss ich jetzt weg …




